Herr Pohlmann, die erste Frage geht an Sie: Sie hatten etwas Zeit zum Durchatmen, haben Sie Ihren Termin beim Kardiologen gemacht, den Sie nach dem Sieg in Grevenbroich nach eigener Aussage brauchten?
Christian Beuing: Ein schönes Wort dafür ist „unbegreiflich“. Wir sind angefangen in einer Situation, die wirklich nicht einfach war. Für uns nicht, für die Mannschaft nicht, für den Verein nicht. Wir haben uns im ersten Spiel eine Packung abgeholt in Hagen, obwohl wir eine gute erste Halbzeit gespielt haben. Wir haben zwei meiner Meinung nach gute Spiele gegen Bonn und Herten auch noch verloren. Dann sind wir vor der Weihnachtspause gegen Haspe mit einem Arbeitssieg gestartet. Marc sagte damals, irgendwann muss der Knoten platzen und der Knoten ist damals in Haspe geplatzt: Alle haben wieder an sich geglaubt, wir haben hart trainiert in den Weihnachtsferien. Das Ganze ist ins Rollen gekommen und war irgendwann nicht mehr aufzuhalten.
Was auch nicht aufzuhalten war, waren die Zuschauerzahlen. 440 war die niedrigste Zahl in Ihrem ersten Heimspiel gegen Bonn, danach waren 880 Zuschauer im Schnitt im Jahr 2017 in der Halle. Es ist die Frage nach der Henne oder dem Ei – wer ist in Vorleistung gegangen? Haben die Fans Sie gepusht oder haben Sie gesagt: Wir bringen Leistung und die Fans kommen dann in die Halle?
Pohlmann: Das Thema Leistung kam erst später, würde ich sagen. Wir hatten von Beginn an eine klare Spielidee von sehr schnellem Basketball verbunden mit sportlicher Aggressivität und vor allem vielen Emotionen. In Ibbenbüren wird es meiner Meinung nach nie funktionieren, mit zwölf Profis zu spielen, wie beispielsweise in Schwelm. Damit kann man sich schwer identifizieren. Womit man sich identifizieren kann, ist eine hart arbeitende Truppe, die bereit ist, sich auf jeden Ball draufzuschmeißen, zu rennen, zu fighten. Nicht zu vergessen mit Ibbenbürener Gesichtern.
Es wirkte so, als spiele diese Euphoriewelle in jedem Training und in jedem Spiel bei Ihnen eine Rolle…
Beuing: Jedes Spiel, das man knapp gewinnt, pusht einen tierisch, pusht einen für die nächste Woche im Training, pusht einen fürs nächste Spiel. Und jeder kennt das aus dem Sport: Wenn es einmal läuft, dann läuft‘s.
Sagen Sie mal zu folgenden drei Spielen aus der Rückrunde Ihren ersten Gedanken, den Sie im Kopf haben: Derbysieg in Münster, erster Erfolg seit 35 Jahren vor mehr als 100 Auswärtsfans…
Beuing: Wenn ein Trainer – Marc – sich nach der Saison zu seinem Geburtstag dieses Spiel in voller Länge noch einmal anschaut, dann muss es etwas Besonderes gewesen sein. (lacht)
Klassenerhalt am 20. Februar gegen Dorsten nach acht Siegen in Folge…
Beuing: Erleichterung.
Pohlmann: Das Spiel war bezeichnend für viele Teile der Saison. Wir haben sehr viel investiert, sind anfangs immer wieder gegen eine Wand gelaufen. Dorsten hätte in diesem Spiel auch vom Parkplatz getroffen, egal, was wir gemacht haben. Wir hatten 60 Punkte schon bis zur Halbzeit kassiert, haben aber meiner Meinung nach trotzdem ordentlich verteidigt. Wir haben dann den Comeback-Sieg geschafft, weil wir immer dran geglaubt haben.
Das dritte Spiel ist der Sieg gegen Salzkotten. Manager Tobias Hülsmeier sagte nachher, die Coaches hätten das Spiel entschieden, weil man sie 40 Minuten lang arbeiten sehen habe. Was macht es mit Ihnen, wenn Sie so etwas über sich hören?
Pohlmann: Das habe ich auch zur Kenntnis genommen. Das würde ja bedeuten, dass wir vorher nicht gearbeitet haben (lacht). Ich weiß aber, was er damit sagen wollte. Das war ein unheimlich intensives Spiel, gerade von den taktischen Belangen her. Ich habe schon direkt danach gesagt, dass es schwierig war, die richtigen Match-Ups gegen Salzkotten zu finden. Das war Schwerstarbeit, da die richtigen Gedanken oder Ideen zusammen zu finden. So intensiv haben wir uns sonst noch nie in den Auszeiten ausgetauscht.
Ein Gedankenspiel: Was wäre gewesen wenn Trainerteam und Kader so ab Spieltag 1 zusammengearbeitet hätten?
Pohlmann: Das kann man so gar nicht beantworten.
Beuing: Ich glaube, es macht sich keiner – zumindest keiner von uns – die Gedanken, dass wir dann aufgestiegen wären oder so etwas.
Pohlmann: Man darf das nicht vergessen: Chrissi und ich kommen aus der U18 und aus der 2. Herren. Für mich ist es überhaupt das erste Jahr als Trainer, für Chrissi das dritte Jahr im Seniorenbereich. Wir haben immer noch sehr, sehr viele Fehler gemacht. Die sind in der Rückrunde aber nicht so aufgefallen, weil wir diesen Lauf und individuelle Qualität hatten. Die Fehler, die ich zu Beginn zum Beispiel bei der Zweiten gemacht habe, würde ich jetzt vielleicht nicht mehr wieder machen, aber ich hätte sie definitiv auch bei der Ersten gemacht. Deshalb kann man es so nicht beantworten.
Aber das schürt doch Erwartungen für die nächste Saison, wenn Sie sagen, Sie machen die Fehler nicht noch einmal?
Pohlmann: Fehler werden wir auch weiterhin machen. Aber wir müssen immer wieder möglichst schnell daraus lernen und nicht die gleichen nochmal machen. Zudem weiß man nie, wie der Kader aussieht, wie stark die Liga wird. Da ist es viel zu schwierig im Basketball auf diesem Niveau, eine Prognose abzugeben.
Es gab immer mal wieder das Thema Team-Chemie. Skizzieren Sie doch einmal, wie Sie die Entwicklung wahrgenommen haben von Ihrem Antritt bis zum Saisonende.
Pohlmann: Die Team-Chemie ist besser geworden im Vergleich zum November/Dezember, weil mehr gewonnen wurde. Das ist das eine. Es ist aber immer eine Daueraufgabe geblieben. Es ist viel Arbeit drumherum, um eine neutrale bis gute Team-Chemie weiter bestehen zu lassen. Das bringt anscheinend das Niveau der Regionalliga einfach mit sich. Das hat etwas mit Gönnen zu tun, das hat größtenteils funktioniert, sonst hätten wir ja nie gegen Schwelm zum Beispiel gewonnen. Aber es ist eine sehr intensive Mannschaft gewesen, was das angeht, sehr speziell.
Macht es die Sache schwierig, wenn Chris Hortman und Rishi Kakad scheinbar herausragen?
Pohlmann: Durchaus. Wenn wir solche Qualitäten haben, müssen wir sie natürlich nutzen. Aber wenn man sich die Spiele noch einmal anschaut, haben Chris und Rishi uns erst in die Lage gebracht, bis kurz vor Schluss eine Siegchance zu haben. Es haben aber in vielen Spielen andere Spieler den Deckel drauf gemacht. In Grevenbroich und gegen Schwelm war es Florian Avermann, Andi Placke trifft gegen Düsseldorf die big shots, Milen Kostov entscheidet in Bielefeld und hält uns gegen Grevenbroich anfangs im Spiel. Man darf dabei die anderen Spieler aber bitte nicht vergessen, die die Spezialaufgaben immer wieder bravourös gelöst haben. Leider lässt sich so etwas nicht in Statistiken messen.
Wenn die Einheit so gut funktioniert wie in der Rückrunde, wie schwierig ist es aus Sicht der Trainer, zu akzeptieren, dass der Kader sich wieder verändern wird?
Pohlmann: Auf diesem Niveau ist das wohl leider einfach normal. Am Anfang hatte ich ein wenig Orientierungsprobleme, weil es diesen Charme und diese „Romantik“ von der 2. Herren, sich zu treffen, um hart zu trainieren, aber auch viel zu flachsen, nicht so gibt. Doch sogar in der 2. Mannschaft wird es jetzt einen Umbruch geben. Als Basketballtrainer ist es einfach nicht so, dass man eine längere Zeit mit demselben Kader zusammenbleibt, auch wenn das natürlich schön wäre.
Beuing: Der Wunschtraum wäre es, mit einer Mannschaft zwei, drei, vier Jahre zu arbeiten. Was Schöneres gibt es als Trainer nicht. Aber ich glaube, dass einige Akteure vielleicht auch gezeigt haben, dass sie zu gut sind für diese Liga. Dann ist es schön, dass sie ein Jahr bei uns waren, aber man gönnt es denen dann auch, höher zu kommen.
Wo gäbe es denn Möglichkeiten, den Kader zu verändern oder zu verbessern?
Pohlmann: Da bauen zwei hypothetische Fragen aufeinander auf. Da wir zu ersten gesagt haben, dass es das so nicht gibt, stellt sich die zweite Frage nicht. Neue Saison – neues Glück.
Das macht es doch unglaublich schwierig, das ganze zu planen…
Pohlmann: Richtig.
Es ist also kein kleines Puzzle, das Sie zusammensetzen können.
Beuing: Das gibt der Standort Ibbenbüren einfach nicht her. Wenn man sich Münster anschaut: Die Jungs, die zum Studieren da sind, sind sicher drei Jahre dort. Mit denen kann man mal länger planen. Hier ist das leider nicht so, wir haben den Standortvorteil nicht, wir sind Randbezirk. Das Problem hatten wir immer und werden wir auch immer haben.
Pohlmann: Hier ist sehr viel Fantasie gefragt, was Kaderzusammenstellung angeht, da muss man improvisieren.
Quelle: IVZ / Interview: Jan Kappelhoff






















